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Aus Klein wird Groß: Jeder Quadratmeter Miniwildnis zählt!

Von Dr. Michael Altmoos


Grundsätzlich entsteht Miniwildnis überall - sofern erlaubt.

Was bringt es, Bereiche zur „Miniwildnis“ werden zu lassen?

Also zu erlauben, dass Natur sogar „in sehr klein“ sich frei und zieloffen entwickeln darf?

Wo doch die ganze Welt in groß bedroht scheint?

Sind da wenige Quadratmeter Natur nicht lächerlich?


Klare Antwort: Nein, jeder Quadratmeter zählt. Und ja: Dieser allein wäre wirklich lächerlich.

Aber: Natur wirkt vernetzt. Klein und groß durchdringen sich. Und auch klein kann groß im Wert sein.


Blicken wir auf Fakten und Zusammenhänge

Und fangen zuerst mit dem Großen an.

Je größer und zusammenhängender Naturflächen sind, desto mehr - und vollständiger - laufen natürliche Prozesse ab. Erst dann können ganze Populationen in einem Gebiet wirklich überlebensfähig existieren. Im Großen wachsen Wälder von alleine bestens, verändern sich natürlich, passen sich problemlos an Umweltbedingungen an. Auch an verändertes Klima. Aber nur, wenn sie Raum von uns bekommen.


Erst in groß kann die ganze Dynamik der Natur aufleben.

Beispiele:

  • Stürme, Brände aber auch Wild wie Rehe und Hirsche lichten Wälder zum Teil auf. Damit ermöglichen sie lichtliebende Arten, bevor es wieder zuwächst.

  • Wölfe und andere Raubtiere verteilen das Wild und sorgen dafür, dass mal hier, mal dort Licht und Dunkelwuchs im Wechsel vorkommt.

  • Biber bewirken lebendige überaus vielfältige Bach- und Flusslandschaften.


Erst viel Alt-/Totholz mit natürlichen Zerfallsphasen auf Großflächen lässt Insektenvielfalt aufleben, von der weitere Lebewesen abhängen.


Nur in weiter Wildnis ist ein solch skizziertes dynamisches und doch eng verwobenes Mosaik des Lebens möglich. Erst dann werden Qualität und Quantität an Habitaten und Organismen günstig. Ja - dann zeigt Leben wahrlich Größe. Im Kleinen geht das alles nicht komplett.

Große zusammenhängende Wildnis ist niemals durch viele kleine Flecken ersetzbar. Dann „verinselt“ Natur, viele Tiere können nicht (über)leben, wichtige Naturprozesse werden unterdrückt.


Aber kleine Flächen können - ja müssen sogar - große ergänzen!

Sie treten nicht in Wettstreit mit dem Großen, sondern ergänzen sie auf eigene Art.

Und diese Art der Ergänzung beleuchten wir:


Er profitiert von Miniwildnis: Der Nierenfleck-Zipfelfalter (Thekla betuale)


In der Miniwildnis passieren freie kleine Naturvorgänge, die sonst verloren wären.

So der Schmetterling, der seine Eier genau auf jener wuchernden Pflanze auf diesem Quadratmeter ablegt - in Vernetzung mit anderen Quadratmetern. Und in der Summe vielleicht eine Population mit am Leben hält. Ohne eben diese wilde Stelle gäbe es für diese Tierart weniger Risikostreuung, weniger Ausbreitung, weniger Nachkommen. Kleinstflächen können also für manche Arten wichtige Trittsteine in Vernetzung zwischen auseinander liegenden Naturflächen sein.


Oder das Moos in wilden Ritzen, das frei wachsen darf. Es dient einem Vogel zum Nestbau. Ohne es hätten es die Jungen nicht warm und würden erfrieren: Ein Bruterfolg mehr für die Erhaltung der Art im Gebiet.


Und die ganz bestimmte Wildbienenart, die ohne den Nektar oder Pollen genau dieses Wildkrauts womöglich die nächste geeignete Stelle nur schwer erreichen würde. Manche Wildbiene nistet vielleicht genau auf diesem Quadratmeter. Er bedeutet eine Zeit lang für sie die ganze Welt, ohne ihn wäre sie verloren, weil es noch zu weit entfernt ist zur großen Natur.



Eine DAS TUN WIR Arche - ein Trittsteinbiotop für Wildbienen (hier vor dem Lidl Supermarkt in Albstadt)


Auch im Mikrobereich laufen Kleinprozesse ab, in sich sogar erstaunlich viel.

Sogar eine angepasste Bodenbildung setzt allmählich ein, wenn wir es auf einem Kleinbereich zulassen. Erosion und Substratumlagerung durch Regen, Wind, das Keimen angewehter Samen, Wachstum und Zerfall von Pflanzenmaterial bilden Miniaturlandschaften.

Selbst ein Steinhaufen entwickelt sich zum Mini-Kosmos

„Das Große kann man auch oft im Kleinen erkennen.“ Die Wildnis grandioser großer Natur spiegelt sich in jedem Quadratmeter - zumindest in einen zum Standort passenden Teil, wo immer wir eine Fläche in Ruhe lassen.








Einige gefährdete Insekten sind spezialisiert auf vegetationsarme und lückig-wilde Stellen, die besonders in jungen Miniwildnissen auftreten. Lässt man die Minwildnis weiterwachsen, so nistet bald in einer erst kleinen, dann dichten Brombeerhecke eine womöglich gefährdete Vogelart, entwickeln sich Raupen vieler Schmetterlinge an der „Super-Food-Pflanze“. Im Schutz dieser Hecke kann dann mit der Zeit sogar ein Baum heranwachsen.


Ein wildes Gehölz mehr, das effektiv Stäube filtert, Luft reinigt, Kleinklima verbessert und Leben weiter fruchten lässt. Buchstäblich, denn die Früchte schmecken Vögeln und Menschen.


Das macht dann Lust, im Umfeld eine weitere wilde Stelle zu ermöglichen, die zunächst offenen Boden hat. Die Kraft der Sukzession führt nach und nach zu meist dichterem Wuchs. Man kann aber auch natürliche Störungen simulieren und eine (aber eben nur eine!) von mehreren Stellen nach Jahren wieder auf offenen Boden zurücksetzen. So wird insgesamt ein Mosaik-Zyklus großer Natur in Teilen aufgegriffen, aus der lebendige Vielfalt in Summe lauter kleiner Flecken fortlebt.



Sukzession: Übergang von licht zu dicht.


Kleine Flächen bieten sogar besondere Chancen, sich auf vergessene Natur zu konzentrieren.

Der amerikanische Naturforscher David Haskell ist mein berühmtes Beispiel.

Er hat ein Jahr lang nur einen Quadratmeter in einem Wald beobachtet: Er sah das Große im Kleinen und entdeckte für sich eine ganze Welt. Allein auf diesem Quadratmeter erlebte er Dynamik, Kooperationen und Symbiosen zwischen sich laufend verändernden Wildpflanzen, Pilzen, Flechten, Moosen, Kleinstlebewesen.


In einem Interview mit ‚National Geographic‘ 2015 antwortete er auf die (heute wohl typische) Frage, ob das nicht furchtbar öde wäre:

In keinem Moment. Ich war jeden Tag neu verblüfft über die vielen Kreaturen auf dieser winzigen Fläche. Weil dieser Quadratmeter nie vom Menschen genutzt wurde, gibt es da unglaublich viele Arten. Die allermeisten Lebensformen sind ganz klein, aber sie sind es, die Natur funktionieren lassen.“


Asseln, Schnecken, Würmer, Mikroben: Sie vertragen sich, jagen sich, sind allesamt Lebensgrundlage füreinander. Und Haskell weiter (was ich nur bestätigen kann):

„Das Wesen der Welt steckt in jedem Quadratmeter“.


Ein kleiner, aber für uns oft wichtiger Vorteil von „Miniwildnis“ ist, dass sie sowohl hinsichtlich Entdeckungsmöglichkeiten (Forschung, Bildung) als auch in dargelegter Praxiswirkung wahrlich nahe geht.


Kleine Flächen nahebei, integriert in Siedlung, auf Unternehmensflächen, im Garten und Alltag können wir oft in eigener Verantwortung einfach ermöglichen.

Und das, was in ihnen geschieht, lässt sich ohne lange Reise in die oft entfernten großen Naturgebiete schön und konkret im eigenen Umfeld beobachten. Das berührt direkt. Hier spüren wir freies Leben und leisten für uns machbare Beiträge zum Ganzen.


Zufälle und dynamische Veränderungen sind das Wesen von Natur, auf jedem Quadratmeter. Wichtig bei Miniwildnis, also „Nichtstun“ ist aber auch, das natürliche Geschehen zuzulassen. Anstatt immer nur eigene Gestaltungsziele, die Suche nach Gewohntem oder sogar Seltenheiten zu verfolgen. Wir dürfen staunen, was Natur von selbst anstellt. Und woraus wir für andere Flächen lernen können. Zum Beispiel, welche klimaangepasste Arten sich einstellen oder was auf bestimmten Böden gut gedeiht.


Wildnis wartet auch im Kleinen auf die Chance der Zukunft.


Jeder Quadratmeter Miniwildnis ist Keimzelle der Freude – auch für uns. Es sind Überlebensritzen, bis wir Menschen mehrheitlich besser verstehen, dass wir der Natur mehr Raum und Zeit geben müssen.

Hier bewahren wir die wilde Hoffnung für die Welt. Denn auch wir selbst sind Natur, kommen aus der Wildnis – und nur mit ihr haben wir Zukunft.







Damit schließen wir den Kreis und kommen vom Kleinen wieder zum Großen:

Wer das Wesen eines wilden Kleinbereichs versteht, wer dort die Freiheit der Natur erspürt, der setzt sich letztlich auch für große Wildnis ein - weil sich alles ergänzt.


Aus klein wird groß: Mehr Wildnis wagen!



Dr. Michael Altmoos ist Ökologe, Biologe und Naturschützer. Er leitet das ‚Nahe der Natur – Mitmach-Museum‘ in StaudernheimSein Buch „Mehr Wildnis wagen!“ (pala-Verlag, 2023) bietet viele Fakten, Geschichten und Beispiele für neue Wildnis, von klein bis groß. Seine weiteren Bücher erschienen im Pala-Verlag: „Der Moosgarten“ und „Besonders Schmetterlinge“.

Fotos: Dr. Michael Altmoos, Eva Stengel (Arche)

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