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Wie Rewilding hilft, die Natur zu bewahren

Die Journalistin, Wildpflanzenexpertin, Gastronomin und Buchautorin: Warum es so wichtig ist, gegenüber der Natur auch mal "die Beherrschung" zu verlieren!


Frau vor Baum im Grünen
Autorin Simone Böcker

"Naturgewinn durch Kontrollverlust!" Es ist schon seltsam: Haben wir ein Stück Land zu unserer Verfügung, wie beispielsweise einen eigenen Garten, dann entwickeln wir uns dort zu wahren Kontrollfreaks. Es wird gemäht, gekärchert, gestutzt. Es wird gejätet, abgeholzt, vergiftet. Mit erstaunlich wenig Mitgefühl geht es dabei Lebewesen an den Kragen, die uns nicht in den Kram passen. Die „Dreck“ machen, die Nahrungskonkurrenten sind, die uns mit ihren – ja manchmal schwierigen – Eigenheiten auf die Nerven gehen. Stattdessen folgen wir einer klaren Vorstellung, wie unser Garten auszusehen hat. Kriterium dafür, was bleiben darf und was nicht, ist allein unser Sinn für Ästhetik und Pragmatismus. Das Land hat sich unserem Nutzungsanspruch und Schönheitsempfinden zu beugen. Auch wenn mittlerweile mehr Pollenpflanzen für Insekten im Garten Einzug halten – das Sagen haben dennoch wir.





Ist diese Sicht zu extrem? Ich denke nicht. Ich denke vielmehr, dass sich im Garten eine allgemeine Sichtweise unserer westlichen Kultur offenbart: Wie nehmen wir Natur wahr, welche Beziehung haben wir zu ihr? Es entlarvt eine Anspruchshaltung, die wir als Spezies gegenüber allen anderen Spezies für selbstverständlich halten. Warum gibt es so viele „unerwünschte“ Pflanzen und Tiere, die doch auch unabhängig von uns über ein Existenzrecht verfügen? Warum lässt uns ihr Schicksal oft so unberührt? Woher dieser Kontrollzwang?

Genau die Frage nach der Kontrolle steht bei Rewilding im Mittelpunkt. Es geht darum, Kontrolle aufzugeben und Natur Platz zu geben, damit sie sich selbst entfalten kann – ohne menschlichen Eingriff. Dabei handelt es sich meist um große Gebiete, in denen natürliche Prozesse wieder stattfinden und Ökosysteme dadurch in ein Gleichgewicht kommen können. Auf diese Weise kehrt meist relativ schnell Artenvielfalt zurück und es entsteht ein Stück Wildnis. Doch ob Rewilding im Großen oder Kleinen: Das „Einfach-sein-lassen“ fällt nicht leicht. Ein Garten muss nicht unbedingt verwildern. Aber wie wäre es, mit den Lebewesen, die sich dort den Raum mit uns teilen, mehr auf Augenhöhe zu kommen? Was kann sich ergeben, wenn wir nicht automatisch die Dominanzrolle einnehmen, sondern den nicht-menschlichen Lebewesen neugierig und ergebnisoffen begegnen? Dann entsteht eine Beziehung, die uns mit einem Ort wirklich verbindet. Es entsteht Miniwildnis.



Blaubockkäfer und Eidechse beäugen sich
Begegnung

Verbindung ist der Schlüssel in einer Welt, die so sehr auf Trennung beruht. Denn unsere westliche Kultur, die die Welt in Geist und Materie teilt, mit dem Mensch an der Spitze der „Schöpfung“, hat die Vorstellung eines Lebensnetzwerks der Gegenseitigkeit und des Miteinanders schon lange verlassen. Es ist Zeit zu erkennen, dass wir mit diesem

 Weltbild, das allein auf menschliche Interessen ausgerichtet ist, mit dem Glauben an Fortschritt und Wachstum in eine Sackgasse geraten sind. Ein anderes Miteinander ist möglich. Und das nicht nur im Garten. Auch heute noch ist in vielen indigenen Gemeinschaften die Vorstellung von „Natur“ als Lebensnetzwerk, in dem Pflanzen, Tiere, Steine, Flüsse beseelt sind, lebendig. Eine rücksichtslose, allein auf den Menschen bezogene Nutzung kann es in einer solchen Kosmologie nicht geben. Nur wir als von allem anderen abgetrennte Wesen sind in der Lage, Natur allein in unserem Eigeninteresse auszubeuten.



Aus diesem Grund ist es so wichtig, sich über die eigene kulturelle „Brille“ bewusst zu sein. Wie schaue ich auf Natur? Hätte ich es gerne „sauber“ und „adrett“? Oder kann ich nicht vielleicht auch die Schönheit darin erkennen, wie die Stieglitze die Samen aus den  verblühten Stauden picken? Erlaube ich Pflanzen und Tieren ein „Mitspracherecht“? Sehe ich sie als Mitbewohner statt als Feinde? So kann der Garten – und letztlich jedes Stückchen Land - zum Übungsfeld für mehr Naturbeziehung werden. Üben wir uns darin, den Regler auf der Wildnisskala nach oben zu verschieben! Schaffen wir mehr Miniwildnis!


Soldatenkäfer auf Distel bei der Paarung
Miteinander

Gleichzeitig üben wir damit noch etwas fundamental Wichtiges. Stück für Stück heben wir die Trennung auf, die uns zum „Alien“ auf diesem Planeten gemacht hat. Wenn wir es schaffen, uns wieder als Teil des Ganzen zu begreifen, als Mitbewohner der riesigen Lebens-WG, die die Erde auf diese wunderbare und ausgetüftelte Weise bevölkert, dann werden wir andere Entscheidungen treffen. Wir werden anders leben. Vielleicht nicht so sauber und adrett. Aber vielleicht ein bisschen glücklicher.





Ihr Buch "Rewilding"  trifft ins Herz!

Darin verbreitet Simone Böcker die positive Botschaft: Das Artensterben ist nicht nur

aufzuhalten, es kann umgekehrt werden!

Mehr unter: simone-boecker.de










Photos: Simone Böcker (Bild der Autorin) - alle anderen: Eva Stengel




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